Sonntag, 4. November 2007

Halbe Dinge

>Und als er dort ankam,< bemerkte er, dass es zu früh war. Zu früh für die Zeit, aber viel zu spät für ihn. Wie einen Ausgleich schaffen? , überlegte er und gab sich fortan nur noch die Hälfte der Zeit für alles. Die Hälfte der Zeit für sich und die anderen. Das ist so viel wie ein ganzes Universum. Ein ganzes Universum, in dem halbe Dinge platz haben. Und in einem halben Universum muss doch immerhin eine ganze Welt platz haben. Seine ganze Welt. Immerhin diese muss gewillt sein, hinein zu passen. Wie groß kann die Welt eines Hasen schon sein. Wie groß, als dass nicht eine Möhre, ein Stummelschwänzchen und ein paar große Hopser hinein passen würden. Nein, das müsste gehen, sagte er sich. Es wird funktionieren. Wie kann es sonst sein, dass hunderte Generationen Zauberer aus einem kleinen Hut an die zehn Kaninchen zauberten und diese danach problemlos wieder in selbigem verschwinden lassen konnten. Nein, das könnte nicht gehen, sagte er sich. Wenn eine Hasenwelt größer sei als die eines Hutes. Aber was passiert, wenn ich wachse? Und was tue ich, falls ich schrumpfe und viel zu klein für meine, für eine Welt bin? Haben Ameisen eine Welt? , fragte er sich. Dann wird er unterbrochen. Es werden Zahlen angesagt. Seine Zahlen. Die Zahlen, die alles verändern und alles so lassen wie es ist. Die Frau öffnet den Mund und es entspringt ihm eine 21, die ihn direkt ins Mark trifft. Ins Bein fährt ihm wenige Minuten später die 9, welche fast beiläufig den Weg ins Freie findet. Zwei Zahlen lassen ihn aufatmen, aber das ist nicht genug. Das ist noch nicht mal die Hälfte der Hälfte. Da sind zu viele andere Zahlen, die ihm einen Hieb in die Magengegend verspüren lassen. Zahlen bestehen eben doch nur aus Zufall, grübelt er. Dinge haben eine andere Bedeutung, Zufallsgesetze bestimmen den Alltag und eine undurchsichtige Logik durchdringt den Tagesablauf. Ein Blitz fährt in seine Gedanken: Es muss weiter gehen. Die Arbeit muss noch heute weiter gehen. Es muss schnell gehen, wenn ich zurück will. Ständige Rivalität der Zeit. Sich gegenseitig nicht mehr loslassen. Aneinander zerren. Wie an Puppen. An Menschen. >Hierzulande musst du so schnell rennen, wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst.< Ein Mantra. Vielleicht seines. Er bekommt Hunger, an sich nichts gutes (Er hat den Hunger satt gehabt, als er sich an ihm überfressen hatte und kotzen musste.), aber das Brötchen ist im Zeitplan. Viertel vor acht. Schnell schlucken und um acht und zwar pünktlich geht es dann weiter. Morgens will der Tag nicht anspringen. Er stottert. Beim Anlaufen und manchmal versucht er es vergeblich. Er läuft dann einfach nicht. Du kannst nicht einfach das Fahrrad nehmen. Auf dem Tisch neben zweieinhalb Brötchenkrümeln eine Zeitung. Die Zeitung ist nicht mehr komplett, nein, es ist lediglich ein Drittel der ersten elf Seiten vorhanden. Keine Bilder. Keine Gespräche. Deshalb überlegt er, warum überhaupt Zeitungen ohne Bilder und mit Menschen, die sich nicht unterhalten, gemacht werden. Daraufhin wird er schläfrig. Er beginnt zu träumen. Träumt Sätze, Farben und Töne: >Wer Schmetterlinge lachen hört, der weiß, wie Wolken schmecken,
der wird im Mondschein, ungestört von Furcht, die Nacht entdecken.< Als er aufwacht, fällt ihm die Zeit ein und wie alles früher gewesen sein könnte. Als er verstehen musste, dass man in der Sommerhitze nicht bekleidet in den Fluss springen darf, weil die Kleider dann nass werden. Dass man nach dem Kirschenessen kein Wasser trinken darf, weil dann im Magen Kirschbäume wachsen, die seine Wand durchbohren und nachts aus der Speiseröhre ragen. Dass man seinen Teller immer leer essen muss, weil man sonst verantwortlich für das schlechte Wetter ist. Dass man kein Eis im Winter essen darf, dass man auch Dinge essen muss, die man nicht mag. Dass man sich vor dem Schwimmen gehen nicht den Magen voll schlägt, weil man dann ertrinkt. Alles und nichts begreifen. Keine Einstellung und Meinung zu nichts und niemandem haben. Noch weniger eine gesellschaftliche Rolle einnehmen. Ohne sie zu spielen. Keine Schuhgröße haben. Entweder ein drückender Schuh oder einer, der beim Laufen verloren geht. Uneindeutigkeit.

...

Za Mladenka Ljubic, stand auf dem Zettel, den Mladenka vom Fuß der Taube löste, gestern Nacht, als sie aus ihrem Bunker, noch einmal ins Haus gegangen war, zuerst durch den Flur, den Schweinestall, von dort ins Treppenhaus, wo die Ziegen bereits schliefen, um schließlich in den Taubenschlag unterm Dach zu gelangen.
Bog Mladenka, moja sestra, schrieb Tomo in der ersten Zeile, dann weiter in deutscher Sprache, ein wenig gebrochen, ob es ihr, seiner Schwester, wiederholte Tomo in deutscher Sprache, gut gehe, ob sie das eitrige Auge der Taube schon entdeckt habe, und dass sie einige Tropfen Salbeiöl ins Taubenauge tröpfeln solle, dann sei die Entzündung in ein paar Tagen abgeklungen, die Taube gesund. Bis auf die lärmenden Touristen in der Stadt sei in Zadar alles in bester Ordnung, schrieb Tomo weiter. Ihm gehe es gut, im Dachgeschoss lebe gerade das italienische Rentnerpäarchen aus Pula, das gleiche wie in den letzten fünf Jahren. Er, Tomo, habe sich ungefähr vor einer Woche in die Frau des Mannes verliebt und ihre langen schwarzen Haare (auch wenn sie sicherlich gefärbt seien), die sie jeden morgen im Garten zu einem vogelnestartigen Gebilde auf ihrem Kopf zusammenstecke, erinnerten ihn an die Prinzessin Psyche, und er sei doch Amor und deshalb überlege er, ob er ihr es sagen solle, dass er sie liebe, dass er den Mann daraufhin in den Abflussschacht sperren könne und dann mit ihr durchbrennen, vielleicht in den Süden, nach Griechenland. Athen fände er eine gute Stadt für die Liebe und später auch zum Sterben. Sie könnten den Bus bis Split und dort die Fähre nehmen, die nach Athen fahre. Tomo ließ einige Zeilen aus, bevor er weiter schrieb, dass er, als die Taube vor ein paar Tagen mit dem Brief im Schnabel ankam, mit Mladenkas altem Schulfreund, Brane, der nun in Zagreb lebe und in Zadar seine Nichte besuchte habe, im Garten gesessen sei. Brane habe gelacht, als der Vogel auf Tomos Schoß landete und gleich zwei Schnäpse getrunken, einen auf sie, den anderen auf die Taube, dann habe er das Lied vom heiligen Simon angestimmt, die Taube auf seine Hand gesetzt und mit altem Brot gefüttert. Brane sei verwundert, dass sie, Mladenka, noch immer nicht nach Kroatien zurückgekehrt sei. Der Krieg sei doch nun schon eine Weile her, meinte Brane, schrieb Tomo, und in Deutschland gedeihe der Mangold viel schlechter, die Kartoffeln seien viel kleiner und die Granatäpfel, die sie doch so liebe, wüchsen dort doch gar nicht. Tomo habe Brane dann erklärt, dass sie sich in Deutschland sehr wohl fühle, weil sie dort für sich sei, niemand störe sie in ihrem Bunker vor ihrem Haus, außer wenn sie es so wolle. Außerdem läge der Krieg in Deutschland noch länger zurück als der in Kroatien, deshalb bliebe sie in Deutschland. Dann ließ Tomo wieder einige Zeilen aus, wünschte ihr noch das Beste und dass er hoffe, dass er bald noch einmal nach Deutschland kommen könne, wenn er ein wenig Geld für den Bus zusammen habe, aber dann eigentlich am liebsten mit der Frau aus Pula in Athen sei. Dann beendete er den Brief und schrieb ganz unten, pusa pusa, tvoja brat.

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Was hier passiert:

Anfang. Ende. ist ein virtuelles Romanprojekt des Studiengangs Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus: dreizehn Personen, eine Katze, ein Hase und eine fremde Macht. Die Zeichen stehen auf Sturm. In Tagen wird es vorüber sein.

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Aline Kappich, Azar Mortazavi, Clara Ehrenwerth, Eva-Lena Lörzer, Fabian Hischmann, Florian Balle, Hieu Hoang Duc, Janna Schielke, Julia Schulz, Max Balzer, Phillip Hartwig, Sebastian Albrecht, Sebastian Polmans, Susanne Kruse. Moderiert von Jule D. Körber und Lino Wirag.

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